leseterrassen Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität mitten im Herzen von Berlin ist ein seltsames Gebäude. Seit Oktober 2009 vereint es als Universitätsbibliothek sämtliche ehemaligen Zweigbibliotheken. Es soll modern sein, durch seine unterschiedlichen Fensterbreiten Bücherrücken symbolisieren und vermutlich einen Hauch New York hinter die Schienen der S-Bahn zaubern, die hier im Minutentakt vorbeirattert.

Doch eigentlich ist das Gebäude eine mittelschwere Katastrophe. Es fängt damit an, dass die Arbeitsplätze Mangelware sind. Das ist einzig dem Architekten zu verdanken, der den kompletten Gebäudekern ausgehöhlt hat. In dessen Mitte befinden sich terrassenartige Flächen mit Arbeitsplätzen, die nach oben hin zu beiden Seiten verlaufen. Man stelle sich den ungenutzten Raum wie eine umgedrehte Pyramide vor, die man mitten in den Bau gerammt hat.

Einparken in die Schreibtischlücke

Diese Platzverschwendung hat Folgen. Bereits ab 10 Uhr, der bekanntlich ersten Wachphase des durchschnittlichen Studenten, findet man nur noch selten einen Arbeitsplatz. Die Bibliotheksleitung versucht dieses Problem mit Parkscheiben und einer sogenannten „Homezone“ in den Griff zu kriegen. Die Parkscheiben sollen von Studenten dazu benutzt werden, beim Verlassen des Platzes die aktuelle Uhrzeit einzustellen. Ist der Platz nach einer Stunde immer noch nicht wieder besetzt, darf er von einem Wartenden geräumt werden. Nur: Wer traut sich, einen Stapel Bücher und einen angeketteten Laptop aus dem Weg zu räumen? Ganz zu schweigen von absichtlich falsch eingestellten oder gar nicht erst genutzten Parkscheiben.

Die andere Methode: Die „HU-Homezone“. Damit werden werktags zwischen 10 und 18 Uhr bestimmte Bereiche ausschließlich für Studenten der Humboldt-Universität reserviert. Diese müssen die Angehörigkeit zur Universität mit dem Auslegen des Studentenausweises demonstrieren. Aber auch das funktioniert nicht. Neue Gewohnheiten gehen nur schwer in Fleisch und Blut über, vor allen Dingen unfreiwillige. Und dann gibt es noch das Problem, dass solch reservierte Plätze leer bleiben, aber diejenigen für Studenten anderer Universitäten überfüllt sind. Das fühlt sich dann ein wenig an wie im Fußballstadion. Während man bei Regen in der Südkurve sitzt und sich Schulter an Schulter mit ungeduschten Fans reibt, bleibt die V.I.P.-Tribüne halb leer. Hauptsache man hat mit „Homezone“ einen modernen Namen gefunden.

Nein, das Problem liegt in bereits angedeuteter Kurzsichtigkeit der Architekten (dessen „Meisterwerk“ übrigens jüngst mit dem BDA-Architekturpreis „Nike“ in der Kategorie „beste stadtbauliche Interpretation“ ausgezeichnet wurde, Gratulation.). Dieser ist übrigens Schweizer. Vielleicht wollte er uns ja eins auswischen, sich für Peer Steinbrück rächen, man weiß es ja nicht.

Leer und trotzdem verschlossen

Als wäre das alles nicht ärgerlich genug, gesellt sich zur desolaten Lage noch ein weiteres Problem: die Schließfächer. Im Gegensatz zu üblichen Schließfächern sind die des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums nicht mit einem Münzstück als Pfand zu benutzen. Die Schlüssel stecken in den Türen, und jeder kann sie benutzen. Und was man nicht durch Pfand oder Sonstiges sichert, ist irgendwann einmal weg! Also sind nach nur einem halben Jahr zwei Drittel aller Schließfächer abgeschlossen, aber nicht in Benutzung! Die Schlüssel sind entweder verloren, verschludert oder im Flusensieb der Waschmaschine irgendwelcher Wohngemeinschaften gelandet. Auch hier patcht die Universitätsleitung fleißig nach. Jetzt werden die Schließfächer sukzessive mit Mechanismen zum Anbringen von Vorhängeschlössern versehen. Die soll man natürlich selbst besorgen. Als wäre es nicht genug, dass man Bücher, Computer und Verpflegung mitbringt. Vielleicht kommt demnächst der Vorschlag, Wechselglühbirnen einzupacken, falls die Tischlampen den Geist aufgeben.

Wer es im Laufe des Tages doch noch an einen Platz schafft, der hat mit ganz anderen Widrigkeiten zu kämpfen. Die Verbindung zum Internet über das drahtlose Netzwerk ist mit willkürlich noch wohlwollend umschrieben. Die Fahrstühle sind schlecht ausgeschildert, und der Geräuschpegel ist dank der Bauweise weit über dem, was man sich in einer Bibliothek vorstellt. Wer die Seitenflure entlang läuft, quietscht mit den Schuhen jeden gedankenverlorenen Studenten wieder wach. Und wer das Pech hat, nur noch im Erdgeschoß einen Arbeitsplatz bekommen zu haben, der darf sich schon mal an den Anblick staunender Touristen mit Fotoapparaten gewöhnen. Die verlieren sich nämlich im Stundentakt in dem Gebäude, das sie meist für einen gelungenen Akt der Baukunst halten.

Sie müssen ja auch nicht darin arbeiten.

In Teil 2 erzähle ich, warum ich trotz der Widrigkeiten gerne dort arbeite. Und warum man mich eigentlich rausschmeißen sollte.

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